2026-08-08 · regulation
AfD-Kandidat Leif-Erik Holm: "Das interessiert keinen Zuwanderer"
AfD-Kandidat Leif-Erik Holm : "Das interessiert keinen Zuwanderer"
Leif-Erik Holm, Ökonom und AfD-Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern, will den Windkraftausbau ausbremsen und die Wirtschaft mit Gas aus Russland beflügeln. Berührungsängste mit Putin oder Höcke? Nicht sein Problem.
Das ist die typische Folklore von Verbandsvertretern auf Bundesebene. Wir erleben etwas ganz anderes: großen Zulauf von Unternehmern und gute Kontakte in die Wirtschaftsverbände. Die sehen allesamt, dass es so nicht weitergehen kann. Viele hatten Hoffnung auf Friedrich Merz und wurden bitter enttäuscht. Linke Politik geht weiter. Deshalb suchen Unternehmer eine Partei, die freiheitlich-liberal orientiert ist. Und dafür stehe ich als studierter Ökonom. Auch der Verband der Familienunternehmer hat ja vergangenes Jahr kurzzeitig gesagt, wir müssen miteinander reden. Durch den großen öffentlichen Druck ist das wieder gekippt worden.
Na ja, der Chef der Vereinigung der Unternehmensverbände für Mecklenburg-Vorpommern möchte Minister für die CDU werden, wie jetzt herauskam. Noch Fragen? Im Übrigen fanden das viele Unternehmer überhaupt nicht witzig, mit denen wir in Kontakt stehen.
Ich nenne keine Namen, weil wir wissen, was dann passiert – siehe die Kampagne von Organisationen wie Campact gegen die Familienunternehmer. Viele Unternehmer erhoffen sich endlich Änderungen mit der AfD, spenden auch für unseren Wahlkampf.
Wir haben eine rot-rote Regierung, die in vielen Punkten Richtung Sozialismus und Planwirtschaft führt. Dieses Problem haben wir übrigens auf Bundesebene sogar mit einer CDU-geführten Regierung. Man müsste die Soziale Marktwirtschaft eigentlich auch ins Grundgesetz schreiben. Sie hat uns über Jahrzehnte Wohlstand gebracht.
Natürlich. Aber wir wollen das tun, was der Staat tun kann. Mecklenburg-Vorpommern hat bundesweit mit die schlechtesten Löhne. Der Staat sollte bei den Abgaben entlasten. Dann bleibt mehr in der Tasche.
Nein, der Mindestlohn ist sinnvoll, um Lohndumping zu verhindern, er muss aber unpolitisch festgelegt werden.
Auf Landesebene haben wir nicht die großen Hebel. Aber wir werden Steuern senken: bei der Grunderwerbsteuer zunächst um 0,5 Punkte. Derzeit sind es 6,0 Prozent. Junge Familien sollen bei der ersten selbst genutzten Immobilie gar keine Grunderwerbsteuer zahlen müssen. Aber wir gehen vorsichtig vor, weil Ministerpräsidentin Schwesig den Haushalt ins Minus gefahren hat: 2028 droht ein Defizit von einer Milliarde – bei einem Zwölf-Milliarden-Haushalt. Das ist Wahnsinn.
Nein, Anreize über Fördermittel sind bei jungen Start-ups manchmal notwendig, aber sie müssen degressiv auslaufen. Startchance ja, Dauerförderung nein. Uns geht es um die Verzahnung von Universitäten und Ausgründungen. Rostock und Greifswald sind dafür gut geeignet. In Lubmin wollen wir einen Energiecluster mit Gaskraft. Dann könnten sich dort KI-Rechenzentren ansiedeln. Außer den Werften haben wir sonst wenig Industrie.
Wir wollen in erster Linie, dass unsere jungen Leute hier bleiben oder die, die ausgewandert sind, wieder zurückkommen. Viele hätten Lust dazu, aber ihnen fehlen die passenden Arbeitsplätze. Aber es gibt Branchen, etwa den Tourismus, da geht es nicht ohne Kräfte aus dem Ausland. Man muss beides machen.
Das ist eine Diskussion aus dem Elfenbeinturm. Die Menschen gehen dorthin, wo es mehr Arbeitsplätze und gutes Geld gibt. Unser Problem ist, dass wir da nicht in der ersten Reihe stehen.
Björn Höcke ist in derselben Partei wie ich. Sie müssen hier nichts konstruieren.
Das interessiert nicht einen Zuwanderer.
Gibt es nur Schwarz und Weiß? Wir wollen keine Abschottung, aber unsere Identität erhalten. Das ist in jedem Land normal, nur in Deutschland offensichtlich nicht.
An diese Rebellion glaube ich nicht, das ist ein Rollenspiel vor der Wahl. Unsere Position dagegen ist klar: 45 Beitragsjahre müssen die Messlatte für den Renteneintritt sein. Wer mit 16 Jahren anfängt, hart zu arbeiten, etwa in der Pflege oder als Dachdecker, wird sonst ungerecht behandelt gegenüber denen, die bis 30 studieren und dann bis 65 im Büro sitzen können.
Nein, wir wollen Wahlfreiheit in der Familie. Wenn wir Eltern ermöglichen, ihr Kind erst mit drei und nicht schon mit einem Jahr in die Kita zu geben – wen schrecken wir damit ab?
Eltern sind dazu mittlerweile gezwungen, weil sie sonst finanziell schwer über die Runden kommen.
Eine Möglichkeit wäre, das Elterngeld bis zum dritten Lebensjahr zu verlängern, oder ein echtes Familiensplitting.
Auf Landesebene können wir das finanziell derzeit leider nicht leisten. Wir können nur die Rahmenbedingungen verbessern.
Es kommt vieles dazu. Wir wollen massiv in die Digitalisierung investieren. Wie das geht, haben wir uns in Estland angesehen. Die Esten sind digitale Vorreiter. Wir wollen da auch nach vorn kommen. Als Flächenland brauchen wir eine vernünftige Infrastruktur, auch digital. Wir haben ja nicht mal vernünftigen Handyempfang. Dazu kommen weitere Probleme wie fehlende Landärzte. Die Natur hier sucht ihresgleichen, aber die Bedingungen drumherum müssen stimmen. Wir wollen ein gutes Gesamtpaket schnüren.
Wir müssen uns wieder stärker konventionell versorgen. Die Energiewende verursacht enorme Systemkosten. Wirtschaftsministerin Reiche hat selbst gesagt, bis 2035 könnten es 90 Milliarden im Jahr sein. Der Glaube, mit Wind und Sonne ein Industrieland zu betreiben, ist falsch. Gaskraftwerke sind richtig, aber als Grundlast-, nicht als subventionierte Reservekraftwerke. Rostock und Lubmin sind ideale Standorte – im Verbund mit der Gaspipeline Nord Stream. Wenn der Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu Ende ist und die Beziehungen sich wieder normalisieren, müssen wir das russische Gas wieder nutzen. Es ist konkurrenzlos günstig.
Es geht nicht um Personen, sondern um nationale Interessen. Wir verlieren 15.000 Industriearbeitsplätze im Monat.
Wir beziehen Gas auch von Diktatoren aus Qatar.
Wir sagen ja auch, dass sich die Lage erst beruhigen muss. Und bis dahin wollen wir vorbereitet sein.
Wir sprechen an, was wir für richtig halten. Wir wollen Politik ändern. Dazu gehört übrigens auch die Kernkraft. Die Abschaltung war der Kardinalfehler der deutschen Energiepolitik.
Kernkraftwerke sind im Bau teuer, laufen aber auch 80 Jahre. Und die Stromnetze für den Transport von Wind- und Solarstrom kosten am Ende 1,2 Billionen Euro. Davon können wir 40 Kernkraftwerke hinstellen. Von Kosten muss mir also keiner was erzählen.
Es gibt zwei Studien, die eine sagt fünf Billionen, die andere, von McKinsey, sagt sechs Billionen Euro.
Wir schauen auf die Gesamtkosten. Mit Kernkraftwerken hätten wir die so nicht.
Im Gegenteil, Kernkraftwerke stoßen keine Treibhausgase aus.
Stimmt, Gas brauchen wir noch länger. Aber schauen Sie auf Frankreich. Wegen des Strommixes mit viel Kernenergie ist die CO₂-Bilanz der Franzosen viel besser als unsere. Das müsste eigentlich sogar den Grünen einleuchten.
Ich höre etwas anderes. Die Unternehmen klagen über extrem gestiegene Kosten für Strom, Gas, Öl, Sprit. Gerade bei Speditionen herrscht Land unter.
In der Energiepolitik ist weitestgehend die Bundesebene gefragt. Ich kann nur dafür sorgen oder werben, dass die Weichen richtig gestellt werden. Wir wollen Gaskraftwerke für Rostock und Lubmin, und wir werben für Nord Stream. Lubmin halten wir für einen tollen Cluster, mit der Universität Greifswald und dem Max-Planck-Institut für Kernfusionsforschung im Umfeld.
Wir treten auf die Bremse. In den Bundestag haben wir einen Gesetzentwurf eingebracht, das Flächenziel zu streichen. Bei uns in Mecklenburg-Vorpommern haben wir schon mehr als 2000 dieser Windungetüme, bei 2,1 Prozent wären es 5000 – obwohl der Strom gar nicht komplett abgeleitet werden kann.
Das Bundesgesetz zum Ausbau der Windenergie können wir als Land nicht abschaffen. Aber bei den Umweltverträglichkeitsprüfungen werden wir viel genauer hinschauen, ob Natur und Menschen beeinträchtigt werden. Außerdem unterstützen wir Bürgerinitiativen, die sich gegen weitere Windräder in ihrer Umgebung stellen.
Das kann ich nicht beurteilen. Auch die Wissenschaftler sind sich nicht einig. Sicherlich gibt es einen gewissen Anteil des Menschen. Aber ist der Einfluss groß oder klein? Ist er relevant?
Die Prognosen zum Temperaturanstieg sind deutlich heruntergeschraubt worden, die Fachwelt lernt dazu. Als konservative Partei müssen wir natürlich sorgsam mit der Umwelt umgehen. Der jetzige Weg funktioniert aber nicht und geht auf Kosten unseres Landes, obwohl Deutschland keinen nennenswerten Beitrag zum Weltklima leisten kann.
Wer bin ich, dass ich das entscheiden kann?
Es gibt keinen wissenschaftlichen Konsens. Früher haben auch alle gedacht, die Sonne drehe sich um die Erde. Deswegen bin ich vorsichtig.
Zuerst werden wir einen Kassensturz und eine Generalinventur der Landesverwaltung vornehmen. Das Personal ist unter Ministerpräsidentin Schwesig um mehr als 20 Prozent gewachsen, auch in der Staatskanzlei. Ein Viertel des Haushalts geht fürs Personal drauf, viel zu viel. Wir werden auch ein Ministerium einsparen.
Das Wissenschaftsministerium. Es wird ins Bildungsministerium eingegliedert, da gehört es hin. Wir haben zudem 14 Staatssekretäre. Das ist völliger Unsinn. In Nordrhein-Westfalen, zehnmal so groß, reicht einer je Ministerium. Frei werdende Stellen besetzen wir nicht nach.
Ziel ist, über die Legislaturperiode eine Milliarde einzusparen.
Bisher haben wir gar nicht regiert. Wir haben in Mecklenburg-Vorpommern ein realistisches Programm vorgelegt, weil wir uns bewusst sind, dass wir erst mal kleine Brötchen backen müssen. Wir machen keine großen finanziellen Versprechen, weil wir erst auf die Sparbremse treten müssen.
Wir wollen dem Staat etwas zumuten. Politiker kommen nie darauf, dass man auch dort sparen könnte. Es heißt immer nur: Einnahmen erhöhen.
Wir wollen den Bürgern möglichst nichts zumuten, sondern dem Staat.
Bildung, Wirtschaft, Sicherheit – und die verfehlten Sozialreformen der Bundesregierung. Das Geld fließt überallhin, nur für die eigenen Bürger bleibt nichts übrig.
Ich hoffe sehr, dass wir bald die Regierung in Berlin erreichen. Aber um Ministerposten mache ich mir wirklich keine Gedanken. Ich habe jetzt eine spannende Aufgabe hier in Mecklenburg-Vorpommern.
Leif-Erik Holm, 56 Jahre, wuchs in Mecklenburg-Vorpommern auf und absolvierte in der DDR eine Lehre als Elektromonteur. Nach der Wiedervereinigung studierte er Ökonomie mit dem Abschluss Master of Science. Schon während der Studienzeit arbeitete er als Radiomoderator und Discjockey. Für verschiedene Sender im Norden war er dann hauptberuflich Moderator. Kurz nach Gründung der AfD trat er im Frühjahr 2013 in die Partei ein und wurde ein knappes Jahr später zum Vorsitzenden des AfD-Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Mit einer kurzen Unterbrechung bekleidet Holm das Amt bis heute. Seit 2017 ist er Mitglied des Bundestages. Holms Themenschwerpunkte sind Wirtschaft und Energie.