2026-08-19 · regulation
Open AI knickt ein: Warum auch ChatGPT jetzt auf Werbung setzt
Open AI knickt ein : Warum auch ChatGPT jetzt auf Werbung setzt
Von Montag an schaltet Open AI auch in Deutschland testweise Anzeigen in ChatGPT. Mancher sieht damit schon den Anfang vom Ende des beliebten Chatbots kommen.
Mit ChatGPT feierte das US-Unternehmen Open AI Ende 2022 einen kometenhaften Aufstieg. Die Einführung des KI-Chatbots war vergleichbar mit der des iPhones von Apple im Jahr 2007. Nach dem fulminanten Start stellte sich für Mitgründer und Vorstandschef Sam Altman die Frage, welches Geschäftsmodell Open AI verfolgen würde. Das Unternehmen entschied sich zunächst, kostenpflichtige Varianten von ChatGPT einzuführen.
Doch zu Beginn des Jahres zeigte sich, dass er seine Meinung geändert hat. Open AI begann in den USA, testweise Anzeigen in ChatGPT zu schalten. Diese Tests wurden seither auf andere Regionen ausgeweitet, und vom kommenden Montag an sollen weitere Länder hinzukommen, darunter Deutschland. Offenbar hat das Unternehmen im Werbegeschäft ehrgeizige Ziele. Die Onlinepublikation Axios berichtete vor einigen Monaten, Open AI peile in diesem Jahr einen Werbeumsatz von 2,5 Milliarden Dollar an. Bis 2030 sollen es 100 Milliarden Dollar werden.
Kein Zugang zu den Chatverläufen für Werbetreibende
Mit Blick auf die Einführung von Werbung in Deutschland beteuert Open AI, wie schon in den USA Anzeigen deutlich von den Antworten von ChatGPT abzugrenzen. "Unterhalb der eigentlichen Antwort von ChatGPT befindet sich eine graue Linie, und unterhalb dieser Linie kann sich eine Anzeige befinden", sagte Dave Dugan, Vice President of Ads bei Open AI, der dpa. Außerdem versprach er, dass Werbetreibende keinen Zugang zu den Chatverläufen erhielten.
Die Daten aus den Bots gelten als besonders sensibel. Viele Menschen teilen sehr persönliche Gedanken mit Chatbots, für manche entwickelten sich ChatGPT und Co. zu einer Art Ersatz für Psychotherapie. Bei Themen rund um mentale Gesundheit betont Open AI, auf Anzeigen bewusst zu verzichten. Nutzer sollen außerdem Anzeigen steuern können, indem sie zum Beispiel Anzeigen ausblenden, Feedback geben, erfahren, wie und warum eine bestimmte Anzeige angezeigt wird, die Anzeigendaten mit einem Tipp löschen und die Anzeigenpersonalisierung verwalten. Offiziell als minderjährig registrierte Nutzer sollen keine Werbung erhalten.
Wer keine Lust auf Werbung hat, muss dafür bezahlen. Für das Plus-Abo müssen Nutzer in Europa etwa 23 Euro im Monat hinblättern, für den deutlich umfangreicheren Pro-Tarif sogar mindestens 103 Euro im Monat. Ein Abo führt jedoch nicht zwangsläufig zu Werbefreiheit. Die Kosten für ChatGPT Go, das Einstiegsabo, belaufen sich auf etwa acht Euro – diese Version ist allerdings mit Werbung.
"Werbung nervt immer ein bisschen"
"Eigentlich ist die Einführung von Werbung ein Vertrauensbruch", sagt Alexander Graf, Gründer des Softwareunternehmens Spryker. Schließlich habe Sam Altmann sich in der Vergangenheit immer wieder negativ darüber geäußert. Open AI verkaufe diesen Schritt nun als weitere Annäherung an die Kunden. Wer beispielsweise für einen Italienurlaub im Chatbot recherchiert, sieht auch Werbeanzeigen, die sich auf Italien beziehen. Graf betont: "Werbung nervt immer ein bisschen." Darin liege die große Gefahr für Open AI. Je stärker Werbung abschrecke, desto eher sei ein Nutzer geneigt, zu Googles Gemini oder Anthropics Claude zu wechseln.
Open AI steht unter großem Druck, seine Umsätze auszuweiten. Das Unternehmen bereitet seinen Börsengang vor, und es investiert enorme Summen in Rechenzentren. Es wächst aber offenbar im Moment nicht annähernd so schnell wie sein Rivale Anthropic. Wie das "Wall Street Journal" berichtete, stieg der Umsatz vom ersten zum zweiten Quartal dieses Jahres um 18 Prozent von 5,7 Milliarden auf 6,7 Milliarden Dollar. Dies habe Open AI gegenüber Investoren gesagt. Im gleichen Zeitraum habe Anthropic seinen Umsatz auf 11,6 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt und somit Open AI überholt.
Altman räumt Fehler ein
In der vergangenen Woche kündigte Open AI den Weggang von Denise Dresser an, die als Chief Revenue Officer für die "globale Umsatzstrategie" verantwortlich war. Sie war erst acht Monate zuvor angeheuert worden. Mit ihrem Abschied setzte sich eine Serie von Veränderungen im Topmanagement von Open AI fort. Vorstandschef Altman hat selbst zugegeben, dass er mit der Entwicklung des Unternehmens in der jüngsten Zeit nicht zufrieden ist. Im Juli schrieb er auf der Plattform X: "Wir hatten nicht die besten zwölf Monate aller Zeiten, was vor allem meine Schuld ist, aber wir stehen vor unseren bislang besten zwölf Monaten."
Softwareunternehmer Graf sagt: "Open AI wirkt sehr verzweifelt." Das Werbegeschäft werde aus seiner Sicht nie hoch genug sein, um alle Kosten zu decken. Es sei aber mit Blick auf den geplanten Börsengang entscheidend, um ein positives Signal an die Finanzmärkte zu senden. Insgesamt sieht Graf Open AI im KI-Wettrennen längst im Hintertreffen.
Der Moment, dass Google und Anthropic endgültig gewonnen hätten, sei noch nicht gekommen. Aber: "Das ist der Anfang vom Ende von ChatGPT", ist er überzeugt. Weil es bessere und zugleich werbefreie Alternativen gebe, könnten die Kunden problemlos abwandern. "Nur wer unangefochten ist, kann es sich leisten, einzelne Nutzer mit Werbung zu verprellen", sagt er. Open AI habe einen schlechten Zeitraum dafür gewählt.
Philipp Klöckner blickt nicht ganz so pessimistisch auf die testweise Einführung von Werbung von Open AI. Er arbeitete als Marketingchef bei idealo.de und ist mittlerweile gefragter Berater, Analyst sowie Investor. Open AI habe die Werbung in den USA getestet. Deshalb ist er überzeugt, dass die Anzeigen in ChatGPT so angezeigt werden, dass sie nicht allzu viele Nutzer vergraulen. Im Gegenteil, es sei sogar eine Chance: "Diejenigen, die nicht von der Werbung genervt sind, sorgen indirekt für wichtige Werbeeinnahmen. Diejenigen, die jetzt lieber auf ein Abo umsteigen, sorgen direkt für wichtige Einnahmen."
Google erscheint übermächtig
Ähnlich wie Graf betont er zugleich die Risiken: "Die Ergebnisse für Werbetreibende werden im Vergleich zu Meta und Google erst mal schlechter sein", sagt er. Schon jetzt lägen die Werbeeinnahmen von Open AI hinter den Erwartungen. Er glaubt nicht, dass das KI-Unternehmen seine Zielmarke von 100 Milliarden Dollar für Werbeumsätze bis 2030 erreichen wird.
Die schwierigste Frage sei: Wie platziere ich die Anzeigen, ohne das Vertrauen in die Antworten des Bots zu verlieren? "Wenn ich einmal den Werbeweg eingeschlagen habe, ist es kaum möglich, die Trennung zwischen Antworten und Anzeigen für alle zufriedenstellend darzustellen", sagt Klöckner. Daran könne auch Open AI scheitern. "Das könnte tatsächlich der Anfang vom Ende von ChatGPT sein." Werbung funktioniere am besten, wenn sie kaum erkennbar sei. Das habe Google in seiner Suchmaschine gezeigt. Google ist heute die anscheinend unanfechtbare Suchmaschine Nummer eins. Der Klick zur KI-Suche sei zu verlockend und einfach.
Der Gesamtverband führender Kommunikationsagenturen (GWA) sieht ChatGPT jedenfalls nicht als Konkurrenz an. Verbandspräsidentin Larissa Pohl betont jedoch: Alle Plattformen – ob Meta, Google und jetzt eben auch ChatGPT – sollten mit ihrem Einstieg ins Werbegeschäft vom Gesetzgeber endlich auch als normale Publisher wie TV, Zeitungen und Zeitschriften behandelt werden. "Denn erst dann wären die Plattformen endlich auch für die Inhalte verantwortlich, die auf ihnen verbreitet werden", teilt sie auf Nachfrage mit.
Auch der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) sorgt sich um den Wettbewerb: "Werbeinvestitionen können nur einmal getätigt werden, und der Markt wird sich damit voraussichtlich weiter in Richtung großer außereuropäischer Digitalkonzerne verschieben", teilte Hauptgeschäftsführer Bernd Nauen mit. Unabhängig vom Wettbewerb der KI-Unternehmen werde vor allem digitale medienbasierte Werbung zusätzlich unter Druck geraten.