2026-08-19 · regulation
Gute Quartalszahlen: Der neue Gesundheitsminister startet mit einem Kassenüberschuss
Gute Quartalszahlen : Der neue Gesundheitsminister startet mit einem Kassenüberschuss
Die gesetzliche Krankenversicherung erwirtschaftet im ersten Halbjahr ein Plus von 2,3 Milliarden Euro. Aber das ist ein Strohfeuer: Die AOK erwartet für 2027 trotz der Spargesetze steigende Beiträge.
So macht ein Amtsantritt Spaß: Oberflächlich betrachtet, kann sich der frischgebackene Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) über neue gute Zahlen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) freuen. Zusammengenommen haben die fast einhundert deutschen Kassen in den ersten beiden Quartalen einen soliden Überschuss erwirtschaftet. Die großen Verbände melden ein Plus von fast 2,3 Milliarden Euro.
Nach Ansicht der Verantwortlichen bedeutet dieser Anstieg jedoch keinesfalls, dass die Bilanzen im Lot sind. Vielmehr fließe das zusätzliche Geld in die gesetzlichen Rücklagen, die zuvor zum Stopfen von Finanzlöchern herangezogen worden waren. Die laufenden Ausgaben wüchsen weiterhin deutlich stärker als die Einnahmen. Die AOK erwartet daher trotz der Spargesetze steigende Beiträge im kommenden Jahr.
Die Einnahmen sprudeln üppig, aber die Ausgaben noch stärker
Die größte Vereinigung, der Verband der Ersatzkassen VDEK, berichtet für die Zeit zwischen Januar und Juni von einem Plus von rund einer Milliarde Euro. Bei den Betriebskrankenkassen (BKK) waren es 630 Millionen, im AOK-Verbund 406 Millionen, bei den Innungskassen (IKK) 250 Millionen. Die VDEK-Vorsitzende Ulrike Elsner sagte in Berlin: "Diesen Überschuss benötigten die Ersatzkassen für die Auffüllung der gesetzlich vorgeschriebenen Rücklagen."
Die Einnahmen sind zwar deutlich gestiegen, bei den Ersatzkassen etwa um 6,6 Prozent und damit viel stärker als die Verbraucherpreise mit etwa 2,4 Prozent. Diese gute Situation lag an den erhöhten Zusatzbeitragssätzen zu Jahresbeginn, an umfangreicheren Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds und an dem Bundeszuschuss für sogenannte Soforttransformationskosten in Krankenhäusern.
Die Leistungsausgaben im Betrachtungszeitraum legten aber noch gewaltiger zu, nämlich um 7,1 Prozent je Versicherten, wie Elsner bemängelte. Der bei Weitem größte Kostenblock ist die stationäre Versorgung, die etwa ein Drittel aller Kosten verursacht. Hier kletterten die Ausgaben im ersten Halbjahr auch noch überdurchschnittlich stark um 8,8 Prozent.
Besonders schneller Kostenanstieg in den Kliniken
In den beiden folgenden Kostenblöcken, der ambulanten Versorgung und den Arzneimitteln, betrug der Anstieg 5,5 und 5,2 Prozent. Am bedeutendsten war der Zuwachs in der häuslichen Kranken- und außerklinischen Intensivpflege mit 9,7 Prozent sowie in der Heilmittelversorgung mit 9,3 Prozent, zum Beispiel für Physio-, Ergotherapie und Logopädie.
Kostentreiber in den Kliniken seien die Personalkosten, besonders für die Pflege, hieß es. In den Praxen schlügen sich unter anderem die Aufhebung der begrenzten Budgets für die Hausärzte sowie die Extravergütungen für die Befüllung der elektronischen Patientenakte ePA negativ nieder.
Ohne Spargesetz drohen 2027 fast 19 Milliarden Euro Defizit
Anders als erwartet, gestalteten sich die sogenannten Hybrid-DRG nicht kostenneutral, sondern erhöhten die ambulanten Ausgaben, monierte Elsner. Dabei handelt es sich um Leistungen, die früher nur stationär erbracht und dort vergütet werden durften. Die Hausarztzentrierte Versorgung – spezielle Behandlungsverträge zwischen einem Patienten und einem steuernden Mediziner – koste ebenfalls mehr, als sie spare, betonte Elsner.
Sie lobte das noch unter Linnemanns Vorgängerin Nina Warken (CDU), der heutigen Kanzleramtschefin, verabschiedete Beitragssatzstabilisierungsgesetz bis 2030. Ohne dieses Regelwerk würden die Kassen 2027 ein Defizit von 18,8 Milliarden Euro einfahren und müssten die Zusatzbeitragssätze im Durchschnitt um 0,9 Prozentpunkte anheben. Derzeit sind es offiziell 2,9 Prozent zusätzlich zum allgemeinen Satz von 14,6 Prozent. "Eine Stabilisierung der Finanzen der GKV wird dauerhaft nur gelingen, wenn die Politik Kurs hält", mahnte Elsner.
Etwas anders ist der Zungenschlag von Martin Hoyer, dem stellvertretenden Vorsitzenden des AOK-Bundesverbands, der von einem Kostenanstieg um 7,2 Prozent berichtet. "Das für 2026 angenommene GKV-Defizit und die ursprünglichen Schätzungen zur Deckungslücke in den Jahren 2027 bis 2030 sind jetzt schon Makulatur", kritisierte er Warkens Berechnungen. "Das beschlossene Sparpaket wird im Lichte dieser neuen Quartalszahlen immer noch nicht ausreichen, um die Beiträge in der GKV zum Jahreswechsel stabil zu halten."
Hoyer erwartet also trotz Warkens Novelle, deren Auswirkungen Linnemann jetzt erbt, zum Januar eine weitere Anhebung der Kassenbeitragssätze. Es sei denn, es folgten "kurzfristig weitere Sparmaßnahmen".
Auch BKK-Verbandschefin Anne-Kathrin Klemm ist nicht sehr zuversichtlich. "Leider gibt es noch keine Tendenz zu einer moderateren Ausgabenentwicklung oder gar Entwarnung", sagte sie in Berlin.