2026-08-17 · regulation

Lebenswichtige Infrastruktur: Wie Dämme gegen Flut und Dürre helfen

Lebenswichtige Infrastruktur : Wie Dämme gegen Flut und Dürre helfen

Talsperren und Stauseen schützen vor Hochwasser und Trockenheit. Reicht das? Wegen des Extremwetters werden sie immer wichtiger für die Wirtschaft und Natur.

Wer öfter mit der Bahn fährt, kennt sie bestimmt, die Kinzigtalsperre zwischen Steinau an der Straße und Bad Soden-Salmünster. Weil die ICE-Strecke von Frankfurt nach Fulda durch eine enge Gasse zwischen dem Stausee und dem Hang des Sandkopfbergs führt, fällt der Blick aus dem Waggonfenster jedes Mal auf den 14 Meter hohen Damm und die glänzende Wasserfläche. In diesem Sommer jedoch ist der sandige Streifen am Ufer besonders breit, weil der Pegel wegen der Trockenheit so stark gesunken ist.

Das riesige Rückhaltebecken erfüllt gleich mehrere wichtige Funktionen. Es schützt den flussabwärts gelegenen Teil des dicht besiedelten Kinzigtals vor verheerenden Überschwemmungen, wenn es stark regnet oder die Schneeschmelze am Vogelsberg Flüsse und Bäche anschwellen lässt. In Trockenperioden oder Dürren dagegen bewässern die angestauten Reserven die Kinzig und verhindern ihr Austrocknen. Das ist wichtig für die Natur, die Menschen und die Wirtschaft. Und dann gibt es da noch eine Turbine, die von Wasserkraft betrieben immerhin 1,3 Megawattstunden Strom im Jahr liefert.

Solche Talsperren und Stauseen wie an der Kinzig schützen vor Hochwasser und Dürren, liefern Strom oder speichern Reserven, die zu Trinkwasser aufbereitet werden können, um das Grundwasser zu schonen. Auch laden die Stauseen zur Erholung ein. Viele von ihnen sind beliebte Ziele für Ausflügler, Touristen oder Wassersportler. Das Deutsche Talsperrenkomitee (DTK) zählt 380 große Talsperren im ganzen Land. Ohne diese lebenswichtigen Bauwerke wären wir Fluten und Dürren noch viel schonungsloser ausgeliefert. Von ihrem Schutz profitiert nicht nur der Mensch, sondern auch die Natur. Denn Hochwasser und trockene Flüsse stressen Tiere und Pflanzen oder lassen sie sogar sterben.

Neben den größeren Talsperren wie der Kinzigtalsperre, der Edertalsperre in Nordhessen, der Bleilochtalsperre an der Saale in Thüringen oder dem Baldeneysee bei Essen, um nur einige wenige zu nennen, gibt es noch viele kleinere Stauanlagen, die nicht in der Liste der 380 deutschen Talsperren auftauchen. Die Zähmung von Flüssen und Bächen ist eine kleinteilige und flächendeckende Aufgabe nicht nur an einzelnen Punkten.

Aus dem von der Bundesregierung eingerichteten Sondervermögen zur Modernisierung der Infrastruktur steht ein Teil der Mittel auch für die Wasserinfrastruktur zur Verfügung. Zumindest für die Wasserstraßen hat sich laut Thomas Krings von der Lieferkettenfinanzierung Cflox etwas bewegt. Laut Haushaltsentwurf der Bundesregierung aus dem Juli sollen im kommenden Jahr immerhin 1,2 Milliarden Euro in Flüsse und Kanäle fließen. Kurzfristig hilft das laut Krings den von Transportengpässen geplagten Unternehmen aber nicht, selbst wenn das Geld in voller Höhe fließe. Denn Schleusen, Wehre und Talsperren hätten Planungs- und Bauzeiten von vielen Jahren.

Die Finanzierung ist allerdings noch nicht vom Bundestag beschlossen. "Für Talsperren existiert weiterhin kein eigenes Bundesprogramm", sagt der Lieferkettenfachmann Kai-Oliver Zander, Partner des Beratungsunternehmens Arthur D. Little. Der Bund betreibe aktuell lediglich zwei Talsperren. Eine der beiden Talsperren unter der Obhut der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes ist die Edertalsperre.

Konflikte wie aus dem Ökonomielehrbuch

Weil die Talsperren so unterschiedliche und wichtige Funktionen erfüllen, entzünden sich an ihnen Konflikte um das knappe Gut Wasser. Ein Paradebeispiel ist der Edersee, der durch eine Anfang des 20. Jahrhunderts errichtete Talsperre bei Korbach in Nordhessen entstanden ist. Die Anlage hat strategische Bedeutung. Im Zweiten Weltkrieg sprengten die Briten mit einer speziell angefertigten Fliegerbombe eine Bresche in die Staumauer und lösten eine Flutwelle aus. Zahlreiche Anwohner ertranken.

Hauptsächlich war die Edertalsperre dazu gedacht, den Wasserstand der Weser und des Mittellandkanals zu kontrollieren, um die wichtigen Wasserstraßen für die Schifffahrt passierbar zu halten. Fließt das Wasser unkontrolliert ab, ist im Sommer nicht mehr genug für Frachtschiffe und Ausflugsdampfer im Fluss.

Welche Folgen ausgetrocknete Flüsse für die Schifffahrt haben, zeigt sich gerade am Rhein, wo die Pegel in diesem Jahr so niedrig liegen wie noch nie. Öltanker und Frachtschiffe müssen ihren Tiefgang reduzieren und können laut Lieferkettendatendienst Everstream Analytics nur noch zehn bis 20 Prozent laden. Die Frachtraten sind um 250 Prozent gestiegen. Wegen der Transportengpässe drosseln Chemiefabriken und Hochöfen ihre Produktion.

Eine weitere Aufgabe der Edertalsperre ist der Schutz vor Hochwasser. Daneben liefert die Wasserkraft dort Strom, ganz ähnlich also wie an der Kinzigtalsperre, wobei der Edersee inmitten des Naturparks Kellerwald-Edersee landschaftlich noch spektakulärer ist. Das macht ihn zu einem Magneten für Touristen und Wassersportler. Nicht nur Nordhessen baden und angeln hier oder segeln zu Füßen des Waldecker Schlosses durch das fjordähnliche Gewässer. Der florierende Edersee-Tourismus hat die ursprüngliche Hauptfunktion der Talsperre als Speicher für die hessischen und niedersächsischen Wasserstraßen über die Jahre bei vielen in Vergessenheit geraten lassen.

Doch seit sich seit Anfang des 21. Jahrhunderts extreme Wetterereignisse mit Starkregen oder Hitzewellen häufen, haben sich Konflikte zwischen der touristischen Nutzung des Edersees und der Binnenschifffahrt verschärft. Wegen der Dürre wird in manchen Jahren mittlerweile so viel Wasser abgelassen, dass die Segler schon im Juli ihre Schiffchen an Land ziehen müssen. Bootsverleiher und Gastronomen fürchten um ihr unternehmerisches Überleben, weil die Sommersaison immer früher endet. Ihnen wäre es lieber, es würde weniger Wasser abgezapft, Berufsschifffahrt hin oder her. Die Dürre-Touristen, die vom Rückgang des Wassers freigegebene Ruinen auf dem Grund des Edersees bestaunen, machen die sinkenden Gästezahlen nicht wett.

Um den Konflikt zu entschärfen, wird der Edersee über den Herbst und Winter bis zum Rand gefüllt. Das kann heikel werden, wenn Wasser aus dem randvollen Staubecken abgelassen werden muss, während es gleichzeitig stark regnet. In solchen Situationen kann sich die Hochwassergefahr verschärfen, wobei die Talsperre doch vor Überflutungen schützen soll.

Wie es gelingt, zum Saisonstart möglichst viel Wasser in der Edertalsperre zu speichern und gleichzeitig saisonalen Hochwasserschutz zu gewährleisten, wollen das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Weser und das Regierungspräsidium Kassel zusammen mit weiteren Fachleuten untersuchen. Laut einer Pressemitteilung aus dem März werden erste Ergebnisse Ende 2027 erwartet. Wasserwirtschaft ist eine langfristige Angelegenheit.

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