2026-08-17 · regulation

Arbeitslosigkeit: Jeder zehnte junge Mensch macht keine Ausbildung oder arbeitet nicht

Arbeitslosigkeit : Jeder zehnte junge Mensch macht keine Ausbildung oder arbeitet nicht

Die Berufsaussichten für junge Leute verschlechtern sich ganz offenkundig. Bildungsfoscher stellen aber noch etwas anderes fest.

Von den 20- bis 24-Jährigen in Deutschland ist rund jeder Zehnte weder in einer Ausbildung noch irgendwo angestellt, also in einem Beschäftigungsverhältnis. Mit dieser Zahl wartet das Statistische Bundesamt pünktlich zum Beginn des neuen Ausbildungsjahres auf.

Einerseits liegt das unter dem Durchschnitt der EU-Länder. Andererseits beobachten die Statistiker auf gegenläufige Entwicklungen: Während die Zahl in den vergangenen Jahren in der ganzen EU gesunken ist, bleibt sie in Deutschland relativ konstant. Zuletzt ist sie hierzulande sogar leicht gestiegen – von 8,8 Prozent im Jahr 2022 auf nun zehn Prozent im vergangenen Jahr. 2014 lag die Quote im europäischen Durchschnitt sogar bei 18 Prozent.

Die Ursachen für eine solche Lebenssituation seien unterschiedlich und reichen von Betreuungspflichten, gesundheitlichen Einschränkungen bis hin zu schlichten Übergangsphasen, sagt Kai Maaz, Direktor am Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF). Das DIPF gibt den nationalen Bildungsbericht federführend heraus.

Maaz warnt daher davor, diese jungen Menschen als homogene Problemgruppe zu verstehen. Entscheidend sei vor allem die Frage, ob daraus eine längerfristige Entkopplung von Bildung, Qualifizierung und Erwerbstätigkeit entstehe. "Genau darauf weisen einige Befunde des Bildungsberichts hin", erklärt Maaz der F.A.Z.

Mehrheit der jungen Erwachsenen ohne beruflichen Abschluss

Es sind vor allem drei Zahlen, die im Bildungsbericht aufhorchen lassen: 59 Prozent dieser jungen Erwachsenen verfügen weder über einen beruflichen Abschluss noch über eine Hochschulreife. Gleichzeitig ist in vielen Fällen viel Zeit seit der letzten Teilnahme an einem Bildungsprogramm vergangen. Bei 86 Prozent waren es mehr als zwölf Monate. Ein Drittel schließlich habe eine schulische oder berufliche Ausbildung beziehungsweise ein Studium abgebrochen.

All das sind Risikofaktoren, die es wahrscheinlicher machen, dass ein Mensch in seinem Leben keine höheren formellen Qualifikationen mehr erwerben wird. Es sei deshalb nicht nur entscheidend, wie viele junge Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt betroffen seien, sagt Maaz, sondern wie lange solche Phasen andauerten und ob der Wiedereinstieg in Bildung oder Beschäftigung gelinge.

Der Bildungsbericht offenbart für Deutschland aber eine weitere Entwicklung, die sich international so nicht zeigt. Unter den 20- bis 24-Jährigen ohne Abschluss oder Uni-Zeugnis gab es 2024 im Vergleich zu 2014 einen Sprung in der Erwerbstätigkeit. Das heißt, viele Menschen sind ungelernt in das Arbeitsleben eingestiegen, anstatt eine Ausbildung oder ein Studium zu absolvieren.

Die Bildungsforscher schreiben in diesem Zusammenhang von "strukturellen Entwicklungen des deutschen Arbeitsmarkts". Sie vermuten zum Beispiel, dass das eine Folge des Mindestlohns sein könnte. So hätten Ungelernte nun bessere Verdienstmöglichkeit in Berufen, in denen die Löhne mit einer formalen Qualifikation verhältnismäßig weniger stark stiegen.

Dieses Thema hat auch die Chefin der Bundesarbeitsagentur, Andrea Nahles, in den vergangenen Monaten immer wieder angesprochen und an junge Menschen appelliert, eine Ausbildung aufzunehmen. Zuletzt wiederholte sie das auch in einem Interview, das der Deutschlandfunk am Wochenende ausgestrahlt hat. Ein Mensch ohne Ausbildung habe ein weitaus höheres Risiko, einmal von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein, erklärte Nahles. Zugleich sorge sie sich darum, dass die Zahl der Betriebe, die in Deutschland ausbildeten, sinke. Es seien derzeit lediglich 55 Prozent.

Sieben Prozent weniger Ausbildungsstellen

Auch die Zahl der Ausbildungsstellen, die bei der BA gemeldet worden seien, sei in diesem Jahr deutlich niedriger ausgefallen. Waren es im Vorjahr noch 476.000 Stellen, zählte die BA nun 433.000. Das entspricht einem Rückgang von sieben Prozent. Viele Betriebe seien derzeit unsicher, wie sich ihr Geschäft und ihre Auftragslage entwickeln würden. Nichtsdestoweniger seien immer noch 162.000 Ausbildungsstellen unbesetzt, ergänzte Nahles.

Das liege zum einen daran, dass sich offene Stellen nicht immer dort fänden, wo potentiell passende Bewerber wohnten, erklärte die Behörde auf Nachfrage der F.A.Z. Gerade der Umzug für einen Ausbildungsplatz sei für viele junge Menschen eine "sehr hohe Hürde". Auch würden sich viele nur für einen kleinen Ausschnitt der Berufsbilder bewerben.

Dass Betrieb und Auszubildender oft nicht zusammenfänden, erkläre sich aber auch mit den hohen Anforderungen der Unternehmen. "Sie zögern bei der Einstellung von jungen Menschen, die keine Bestnoten mitbringen oder deren Deutsch noch nicht gut ist", konstatiert die Bundesarbeitsagentur.

More stories