2026-08-17 · regulation

Mercedes-Großaktionär: Chinas Ausnahme-Auto-Unternehmer zieht sich zurück

Mercedes-Großaktionär : Chinas Ausnahme-Auto-Unternehmer zieht sich zurück

Zäsur für Chinas Autoriesen: Der Gründer von Geely, einem der größten Hersteller im Reich der Mitte und Mercedes-Großaktionär, hört auf. Meistert der Konzern den Wandel der Unternehmenskultur?

Während Chinas Autoindustrie in Europa den Durchbruch schafft, vollzieht einer der größten Autokonzerne Chinas eine Zäsur. Li Shufu zieht sich mit sofortiger Wirkung aus dem operativen Geschäft des Geely-Konzerns zurück und erhält den Titel "Ehrenvorsitzender auf Lebenszeit". Das teilte Geely am Montagnachmittag mit. Der Konzern ist in Europa für seine Marken Volvo, Lotus, Polestar und Zeekr und als Großaktionär von Mercedes bekannt. Geely muss damit in den kommenden Monaten und Jahren den für alle Unternehmen einschneidenden Wandel von einer gründergeführten zu einer managergeführten Unternehmenskultur vollziehen, den deutsche und andere westliche Autokonzerne schon vor Jahrzehnten hinter sich gebracht haben.

Li Shufu, auf Englisch auch als Eric Li bekannt, gründete Geely im Jahr 1986 und formte in der Zeit des chinesischen Wirtschaftswunders daraus einen Großkonzern. Das Vermögen des 63 Jahre alten Unternehmers taxiert das US-Magazin Forbes aktuell auf rund 14 Milliarden Euro, er zählt seit mehr als einem Jahrzehnt zu den reichsten Chinesen überhaupt.

2010 war er mit dem Einstieg beim schwedischen Autohersteller Volvo der erste chinesische Autounternehmer, der auf der Welt von sich reden machte. Im Frühjahr 2018 war sein Einstieg als Großaktionär bei Mercedes-Benz rückblickend ein erstes Indiz für eine Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen den Industrienationen. Damals schrieb er in Richtung des Managements des Stuttgarter Autoherstellers in einem Gastbeitrag in der F.A.Z., man solle "aktiv die Möglichkeit umfangreicher Allianzen ausloten, anstatt uns der Realität zu entziehen und den Kopf in den Sand zu stecken". Knapp ein Jahrzehnt später ist diese Forderung etwa mit dem gemeinsamen Smart-Projekt Realität geworden.

Li wolle sich künftig anderen "geschäftlichen Verpflichten widmen und die Umsetzung der langfristigen Nachfolgeplanung erleichtern". Das professionelle Management solle mehr Verantwortung übernehmen. Seine neue Position sei ausschließlich zur Ehrung gedacht und nicht Teil der Führungsstruktur des Unternehmens. Li war bisher Vorsitzender des Verwaltungsrats der in Hongkong börsennotierten Geely Holding, zu der etwa die Marken Geely, Zeekr und Lynk & Co gehören. Er bleibt vorerst Vorsitzender der Zhejiang Geely Holding, die die Beteiligungen an Volvo oder Smart kontrolliert, und damit kontrollierender Aktionär des Konzerns. Aktuell habe er keine Pläne, seine Anteile zu reduzieren, heißt es.

"Die Organisation ist sicherlich nicht optimal vorbereitet und wird sich erst mal fangen müssen", sagt Thomas Luk, Automobilberater mit Sitz in China und Deutschland. "Geely hat zahlreiche offene Baustellen angehäuft und diese intern nicht klar geregelt. Ein Neustart könnte aber auch eine Chance sein." So gebe es in dem breiten Portfolio einige Marken, die schwächelten, etwa Polestar.

Herausforderung für die Unternehmenskultur

Lis Nachfolger an der Spitze des Verwaltungsrats kommt aus der bisherigen Konzernführung. An Conghui, bisher Mitglied des Verwaltungsrats, übernimmt für ihn. Der 56 Jahre alte Manager habe umfangreiche Erfahrung im Konzern, heißt es in der Mitteilung. Geely nutzte den Rückzug von Li für einen Umbau der Konzernführung mit einer Handvoll weiteren Wechseln.

Geely ist mit diesem Schritt ein Vorreiter unter Chinas privaten Autohersteller. Die meisten dieser Unternehmen werden von ihren Gründern geführt, was gerade im Vergleich mit etablierten Autokonzernen eine größere Schnelligkeit und Aggressivität ermöglicht. Mit Wang Chuanfu, dem Gründer von BYD, oder Wei Jianjun, der Great Wall Motors zwar nicht gegründet hat, aber seit 1990 führt, sind andere Unternehmer ähnlich alt wie Li und stehen damit demnächst vor der gleichen Herausforderung. Die Unternehmer hinter aufstrebenden Marken wie Xpeng, Nio oder Li Auto sind hingegen eine Generation jünger. Daneben gibt es noch die vielen staatlichen Hersteller, die seit Jahrzehnten Partnerunternehmen mit westlichen Autokonzernen haben.

Geely ist ein breit aufgestellter Konzern mit vielen Marken. Bei Autos mit Verbrennungsmotor kommt Geely auf dem chinesischen Markt nach eigenen Angaben auf einen Marktanteil von 10,7 Prozent, bei Elektroautos auf 11,5 Prozent. Diese Aufstellung hat sonst kein anderer Konzern.

Genauso wie der Rest der Branche leidet Geely unter den schwachen Verkäufen im Heimatmarkt, der in diesem Jahr um rund ein Fünftel schrumpft. Dafür boomen die Exporte. Im ersten Halbjahr 2026 lieferte der Teil von Geely, der in Hongkong an der Börse notiert ist, knapp eine halbe Million Fahrzeuge in alle Welt, zweieinhalbmal mehr als im Vorjahreszeitraum.

Vor allem die Lieferungen der Elektroautos schossen in die Höhe. Nach 40.000 exportierten Geely-Stromern im Vorjahreszeitraum waren es nun schon knapp 300.000 Fahrzeuge. Insgesamt verkaufte Geely 1,4 Millionen Fahrzeuge, ein Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2025. Der Umsatz legte um 15 Prozent auf 173,6 Milliarden RMB zu (umgerechnet rund 22 Milliarden Euro). Während die Bruttomarge von 16,4 auf 17,9 Prozent zulegte, sank das Ergebnis nach Steuern um 2,7 Prozent auf 9,1 Milliarden RMB (1,1 Milliarden Euro). Die Aktionäre goutierten die Zahlen und die Zäsur am Montag, der Aktienkurs legte um knapp fünf Prozent zu.

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