2026-08-17 · regulation

Kolumne "Hanks Welt": Ein Lob der Autobahnmaut

Kolumne "Hanks Welt" : Ein Lob der Autobahnmaut

Der langfristige Schaden, den das Maut-Desaster der Regierung angerichtet hat, ist verheerend. Ein paar gute Ratschläge für den neuen Bundesverkehrsminister.

An allem ist der Andi Scheuer schuld. Sie erinnern sich? Das war jener CSU-Mann, der als Verkehrsminister in den Jahren 2018 bis 2021 die Einführung einer Pkw-Maut in Deutschland versemmelt hat. Angela Merkel, die damals Kanzlerin war, habe Scheuer zwar regelmäßig in den Senkel gestellt, so ist zu hören. Das Maut-Desaster konnte aber auch sie nicht verhindern.

Scheuer wollte ausländische Fahrzeuge auf deutschen Straßen zur Kasse bitten und hatte mit den künftigen Betreibern bereits weitreichende Verträge abgeschlossen. Nachdem die Maut kippte, weil sie deutsche Autofahrer privilegierte und europäischem Recht widersprach, musste der Bund 243 Millionen Euro Schadenersatz zahlen.

Das alles klingt nach Schnee von gestern. Doch der langfristige Schaden, den Scheuer angerichtet hat, ist verheerend: Eine Maut in Deutschland ist diskreditiert, obwohl fast alle Nachbarländer erfolgreich damit arbeiten. Aber natürlich so, dass Ausländer nicht benachteiligt werden.

Das funktioniert inzwischen ziemlich gut. Nachdem wir uns viele Jahre vor allem in Italien und Frankreich über lange Wartezeiten am Kassenhäuschen auf der Autobahn geärgert haben, haben wir uns im vergangenen Jahr ein kleines Kästchen angeschafft, das an der Windschutzscheibe klebt und uns freie Durchfahrt an allen Mautstellen sichert. Abgerechnet wird digital über eine App.

Auch Deutschland braucht eine vom Bundeshaushalt unabhängige Infrastrukturfinanzierung. Kanzler Friedrich Merz hat kürzlich seinen Verkehrsminister gefeuert – und die ganze Sache ziemlich tollpatschig angestellt. Untergegangen ist dabei, warum der Mann gehen musste: Er wünsche sich, sagte Merz etwas kryptisch, "dass privates Kapital zur Finanzierung unserer Infrastrukturmodernisierung mobilisiert wird".

Wie Deutschland das Andi-Scheuer-Trauma überwinden kann

Merz wird dabei an Straßen und Schienen gedacht haben, also an marode Autobahnen, morsche Brücken, verrostete Weichen und fehlende digitale Logistik. Dafür gibt es zwar das berühmte Sondervermögen des Bundes von 500 Milliarden Euro. Das reicht aber an allen Ecken und Enden nicht.

Zu überlegen wäre deshalb, ob private Betreiber mit Infrastrukturprojekten besser und effizienter umzugehen verstehen als der Staat. Womit wir wieder bei der Maut und bei Italien wären. Dort vergibt der Staat langfristige Konzessionen an Gesellschaften in privater Rechtsform: Sie bauen, betreiben, erhalten und finanzieren die Autobahnen. Weil sie das nicht aus Altruismus tun, dürfen sie eine Maut erheben, mit deren Einnahmen sie sich finanzieren.

Die Betreibergesellschaft Autostrade per l'Italia gehört einem Public-Private-Partnership-Konsortium, zu dem sich neben dem italienischen Staat eine Reihe von Private-Equity-Gesellschaften gesellen. Allein im ersten Halbjahr 2026 wurde rund eine Milliarde Euro für die Instandhaltung und Erneuerung des Straßennetzes investiert.

Aus Sicht der Autofahrer ist eine streckenabhängige Maut das Gerechteste, was es gibt. Denn sie folgt dem "Verursacherprinzip": Nur wer auch auf der Straße fährt, zahlt. Wer viele Kilometer fährt, zahlt mehr als ein Gelegenheitsfahrer.

Private Betreiber wiederum müssen ein großes Interesse daran haben, die Autobahnen in Schuss zu halten, beim Bau nicht zu pfuschen, die Wartung effizient zu organisieren und langfristig Kosten zu sparen. Sie können Personal flexibler einsetzen als der Staat und Projekte effizienter organisieren.

Doch es gibt auch Nachteile der Infrastruktur-Teilprivatisierung. Der italienische Staat, trotz hoher Verschuldung, bekommt Kredite meist günstiger als private Firmen. Dieser Zinsnachteil muss durch höhere Effizienz erst einmal verdient werden. Schwieriger noch: Autobahnen sind sogenannte natürliche Monopole. Man kann nicht drei Autobahnen parallel von Bologna nach Florenz durchs Gebirge in den Wettbewerb schicken. Wer auf mautfreie Landstraßen ausweicht, steht im Stau und muss mehr Fahrzeit einkalkulieren.

Dieses Privileg ermächtigt die Betreiber, beim Preis ordentlich zuzulangen. Man nennt das Monopolrenten, die zu begrenzen es eines staatlichen Regulierers bedarf.

Seine Antrittsreise sollte Bilger nach Österreich machen

Am meisten ist das italienische Modell in Verruf gekommen durch den sogenannten Genua-Schock, den Einsturz der Morandi-Brücke im August 2018, bei dem 43 Personen ums Leben kamen. Die gerichtliche Aufarbeitung zieht sich bis in die Gegenwart. Der Verdacht ist naheliegend, die Betreiber hätten Investitionen für Sicherheit und Statik zugunsten ihrer Profite zurückgestellt.

All dies ist der Grund, warum auch viele liberale Ökonomen (zum Beispiel die Wirtschaftsweisen Veronika Grimm und Gabriel Felbermayr), die normalerweise für Privatisierung sind, das österreichische staatliche Mautsystem bevorzugen. Es firmiert unter dem sperrigen Namen ASFINAG: Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-AG. Dabei handelt es sich um ein staatliches Unternehmen, das für das gesamte österreichische Autobahnen- und Schnellstraßennetz (rund 2200 Kilometer) verantwortlich ist und dafür Maut zu erheben berechtigt ist, die in Österreich nicht strecken-, sondern zeitabhängig erhoben wird. Die Vignetten an der Windschutzscheibe werden liebevoll "Pickerl" genannt.

Das Prinzip der ASFINAG ist einfach: Nutzer kaufen Pickerl, daraus entstehen sichere Einnahmen. Gegen diese Einnahmen kann sich die Gesellschaft langfristig verschulden. Mit diesem Geld werden neue Straßen gebaut und alte repariert. Die ASFINAG ist nicht an das einengende Haushaltsrecht des Staats gefesselt, genießt aber als staatliches Unternehmen günstige Zinskonditionen und kann sich zugleich mit privatem Kapital finanzieren.

Der neue deutsche Verkehrsminister – er heißt Steffen Bilger, stammt aus Baden-Württemberg und gehört der CDU an – sollte sich bald bei seinem österreichischen Kollegen zum Thema ASFINAG schlaumachen – der heißt Peter Hanke, gehört der SPÖ an und ist ein Wiener. Als Nächstes müsste dann eine deutsche ASFINAG errichtet werden; womöglich leiht der Wiener Kollege ein paar erfahrene Österreicher als Gastarbeiter im Management zur Anschubhilfe aus. Ich wette, das von Andi Scheuer ausgelöste Maut-Debakel der Deutschen würde über die Zeit vergessen werden.

Wenn dann die deutsche Maut funktioniert, könnte Bilger nach vergleichbarem Muster bei der maroden Bahn vorgehen. Schiene und Bahnbetrieb müssten vollkommen getrennt werden. Ökonomen fordern das schon lange. Die Schiene, ein natürliches Monopol, würde von einer deutschen "BAFINAG" betrieben, die Slots vergibt an konkurrierende Bahngesellschaften (DB, Flixbahn, Italo) und von diesen eine Schienenmaut erhebt. Weil die Deutsche Bahn diese ordnungspolitisch klare Trennung jahrelang als "Zerschlagung" verunglimpft hat, gilt es auch hier, ein Trauma zu therapieren. Viel zu tun, Herr Minister Bilger. "Einfach mal machen", würde Friedrich Merz sagen.

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