2026-08-14 · buy-side
Mercedes: US-Gouverneurin Gretchen Whitmer fordert Cem Özdemir zu Einsatz für Arbeitnehmerrechte auf
Brief an Cem Özdemir US-Gouverneurin setzt Mercedes unter Druck
Ein Brief der US-Gouverneurin Gretchen Whitmer (54) an Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Cem Özdemir (60) bringt Mercedes-Benz in eine unangenehme Lage. Whitmer fordert den Grünen-Politiker auf, direkt bei der Stuttgarter Konzernführung auf die Einhaltung von Arbeitnehmerrechten im Mercedes-Werk im US-Bundesstaat Alabama zu dringen, wie die "Welt" berichtet.
Der Vorstoß trifft Mercedes in einer Phase, in der der Autobauer sein US-Geschäft gegen neue Handelsrisiken absichern will. Ende März hatte Mercedes angekündigt, bis 2030 rund vier Milliarden Dollar in den Standort Tuscaloosa im Bundesstaat Alabama zu investieren – vor allem, um dort die SUV-Produktion auszubauen und sich gegen hohe US-Autozölle zu wappnen. Das Werk beschäftigt rund 5800 Menschen, produziert jährlich etwa 260.000 Fahrzeuge und exportiert rund 60 Prozent davon.
Damit ist Alabama für Mercedes weit mehr als ein gewöhnlicher Auslandsstandort: Das Werk ist ein zentraler Baustein der US-Strategie. Seit Produktionsstart im Jahr 1997 wurden dort inzwischen mehr als fünf Millionen Fahrzeuge gebaut. Der Standort liefert insbesondere große SUV-Modelle, die für den US-Markt bedeutend sind.
Streit über die Rolle der Gewerkschaft UAW
Der Konflikt geht auf die Gewerkschaftsabstimmung im Mai 2024 zurück. Damals lehnten die Beschäftigten in Alabama eine Vertretung durch die United Auto Workers, UAW, mit 2642 zu 2045 Stimmen ab. Für Mercedes war das Ergebnis strategisch bedeutsam: Eine erfolgreiche UAW-Organisierung hätte die Kostenstruktur des Werks verändern und ein Signal für andere US-Standorte ausländischer Autobauer setzen können.
Die UAW behauptet allerdings, das Votum sei durch unzulässige Einflussnahme belastet worden. Die Gewerkschaft wirft dem Unternehmen unter anderem Druck auf Unterstützer, Drohungen mit Produktionsverlagerungen sowie unrechtmäßige Kündigungen vor. Mercedes weist die Anschuldigungen zurück und verweist auf die geheime Abstimmung.
Im März einigte sich Mercedes mit der US-Arbeitsbehörde National Labor Relations Board auf einen Vergleich. Der Konzern verpflichtete sich darin unter anderem, Beschäftigten nicht mit einer Werksschließung, Standortverlagerung – etwa nach Mexiko – oder dem Verlust von Leistungen zu drohen, falls sie sich gewerkschaftlich organisieren. Ein Schuldeingeständnis enthält die Vereinbarung nicht. Mercedes erklärte, die große Mehrheit der Vorwürfe der UAW sei zurückgezogen oder abgewiesen worden.
Kosten, Kontrolle, Lieferketten
In den Südstaaten gelten niedrigere Lohnkosten, geringere gewerkschaftliche Durchsetzungskraft und wirtschaftsfreundliche Standortpolitik als wichtige Argumente für Investitionen. Eine UAW-Vertretung könnte Löhne, Sozialleistungen und Mitspracherechte neu verhandeln.
Der Maßstab zeigte sich zuletzt bei Volkswagen in den USA. Nach ihrem Erfolg im VW-Werk in Tennessee erzielte die UAW einen Vertrag mit 20 Prozent Lohnplus, verbesserten Gesundheitsleistungen und stärkerem Kündigungsschutz.
Özdemir wird den Brief wahrscheinlich aufmerksam lesen. Mercedes ist eines der wichtigsten Industrieunternehmen in Baden-Württemberg. Zugleich dürfte die Landesregierung vermeiden wollen, zum Akteur in einem US-Arbeitsrechtsstreit zu werden.